Knowledge Center » Die ingeniam Artikelserie » BERUFSEINSTEIGER | Wie sie ihren ersten Arbeitgeber auswählen
Es ist längst soweit: Es sind nicht mehr die Talente, die sich bei den Unternehmen bewerben müssen. Es ist umgekehrt! Die Unternehmen bewerben sich bei den Talenten! Bei diesem „Bewerbungsprozess" ist manchmal zu beobachten, dass auch die hochattraktiven Unternehmen die Erwartungen und Wünsche an einen zukünftigen Arbeitgeber nicht kennen, oder sich zumindest in ihrem Recruitingverfahren nicht nach den Kriterien ausrichten, die den Talenten besonders wichtig sind.
Eine kürzlich veröffentlichte Studie1) unter ca. 100 Studenten der European Business School über die Erwartungen der Talente an Unternehmensberatungen als Arbeitgeber macht deutlich, dass zwischen den Kriterien, die den Studierenden für die Auswahl des ersten Arbeitgebers wichtig sind und den Argumenten der Selbstdarstellung der suchenden Unternehmen, manche Lücke klafft.
Die Absolventenjahrgänge der EBS wurden in den vergangenen Jahren zu jeweils einem Drittel von Beratungsunternehmen und Investmentbanken und zu einem weiteren Drittel von anderen Branchen aufgenommen. Die Studierenden haben eine ausgeprägte Affinität zu Beratungsberufen; über 50% haben bereits ein Praktikum bei einer Beratung absolviert und die meisten können sich sehr gut vorstellen, bei einer Beratung zu arbeiten. Alternativ zur Beratung ist für die Befragten aktuell ein Berufsstart in der Industrie oder in die Selbstständigkeit attraktiv. Die Banken sind - zu-mindest nach dieser Studie - auf den vierten Platz abgefallen.
Zwei Schlüsselkriterien sind den Befragten bei der Wahl eines zukünftigen Beratungsunternehmens besonders wichtig: Internationalität und partnerschaftliche Beziehung zum Kunden. Große Beratungsunternehmen und Strategieberatungen stehen zwar eher im Fokus der Befragten; Unternehmensgröße und Spezialisierung sind aber keine wirklichen Schlüsselkriterien für die Einstiegsentscheidungen. Beratungsunternehmen mit IT- oder HR-Fokus finden aktuell das geringste Interesse der Talente.
Aus der Perspektive der teilnehmenden Studierenden der European Business School finden sich zwei der drei wesentlichen Treiber menschlichen Sozialverhaltens und beruflichen Strebens in den wichtigsten Entscheidungsgründen wieder: Anerkennung und Freiraum. Die Absolventen betonen die Wichtigkeit einer kollegialen Arbeitsatmosphäre, das Vorhandensein von Weiterbildungsangeboten und den Freiraum zur persönlichen Entwicklung.
Der dritte Treiber: Vorhersehbarkeit/ Sicherheit ist deutlich weniger wichtig. Die Studierenden wertschätzen eine hohe betriebliche Altersversorgung, ein festes Programm zur Karriere-entwicklung oder ein attraktives Alumni-Netzwerk deutlich geringer.
Für die Befragten sind Themen der „sozialen" Corporate Governance ganz besonders wichtig: ethisch-moralisch einwandfreies Verhalten, soziale Verantwortung der Berater, Ansehen des Unternehmens in der Öffentlichkeit. Diese Themen fehlen oft in den Informationsbroschüren der Unternehmen.
Den Befragten war das offensichtliche Spannungsverhältnis zwischen den attraktiven Argumenten für eine Beraterkarriere und den absehbaren kritischen Aspekten durchaus bewusst: Karrieresprungbrett und garantierte Abwechslung versus geringe work-life-Balance und ein eher als gering bewertetes Ansehen der Berater in der Öffentlichkeit.
Insgesamt bewerteten die Befragten die Bemühungen der Beratungsunternehmen, Talente anzuwerben als mittelmäßig. Persönliche Begegnungen mit zukünftigen Kollegen in Work-shops oder bei lockeren Abendprogrammen, kommen bei den Befragten am besten an. Sie informieren sich ganz überwiegend im Internet, tauschten sich mit Kommilitonen aus und etablieren Kontakte zum späteren Arbeitgeber durch Praktika.
Einige der Talente hoffen auf bessere Auswahlverfahren, die die Persönlichkeit stärker bewerten als die puren Noten. Sie erwarten eine ganzheitliche Beurteilung und eine intensivere Auseinandersetzung mit dem einzelnen Kandidaten im Bewerbungsverlauf. Für einen Job beim richtigen Top Berater sind die Befragten bereit, sich mit ganzer Kraft einzusetzen. Einsteiger sind bereit, viele Wochenendschichten, unvergütete Überstunden, einen sehr hohen Reiseaufwand und auch unattraktive Standorte in Kauf zu nehmen, wenn sie dafür einen fairen Vorgesetzten, Beraterkollegen mit einer hohen Sozialkompetenz, eine integre Firmenkultur und eine große Zahl von interessanten Charakteren bei einem ersten Arbeitgeber finden.
1) EBS/ James Consulting/ ConsultingImpulse 2008/ Hannes Sommer: War for talents - Wie sehen ihn die Studierenden?